Geschichtstagung

100 Jahre „Geschichtliche Symptomatologie"

 - Die Aktualität der Geschichtserkenntnis Rudolf Steiners

„Es wird einmal für die Geschichtsbetrachtung eines der bedeutendsten Ergebnisse sein, wenn man darauf kommen wird, dass man erst den Gegenstand der Geschichtsbetrachtung finden muss“ – so Rudolf Steiner 1918 (GA 67, S. 196f.). Steiner hat mit seinen Geschichtsvorträgen seit 1917 – vor allem in der „Geschichtlichen Symptomatologie“ im Oktober und November 1918 – einen Erkenntniszugang eröffnet, der einer Entdeckung der Geschichte und einer Neubegründung ihrer Wissenschaft gleichkommt. Die Konsequenzen seines Ansatzes zeichnen sich erst in Anfängen ab – sie betreffen eine symptomatische Betrachtung, die in die verborgenen Ursachenschichten der historischen Ereignisse einzudringen beansprucht. Eine solche Betrachtung provoziert einen neuen Zeitbegriff, wirft ein neues Licht auf Empirie und Konstruktion und weitet letztlich den gegenwärtigen Erinnerungsbegriff auf eine moderne Karmaerkenntnis aus. „Symptomatologie“ hält zahlreiche überraschende Wendungen im historischen Forschungsprozess bereit.

Die Tagung möchte die Aktualität von Steiners Geschichtserkenntnis beleuchten und konkrete Schlussfolgerungen für den heutigen Umgang mit Geschichte aufzeigen.

  • Albert Schmelzer wird darstellen, wie Steiners Ausführungen mit den dramatischen Ereignissen der Deutschen Revolution und der letzten Phase des 1. Weltkrieges zusammenhängen und welche zukünftigen Perspektiven zugleich aus ihnen für eine moderne Geschichtsbetrachtung entstehen.
  • Rita Schumacher unternimmt den Entwurf einer „prometheischen“ Geschichtserkenntnis: „Geschichte nicht als tote Überlieferung, sondern als lebendige Botschaft für uns Heutige und für die Zukunft zu betrachten, setzt voraus, dass ihr ein besonderer Ort im Kosmos menschlicher Kulturäußerungen zugebilligt wird. Unter anderem im Anschluss an Ernst Cassirer wird der Geschichte als symbolischer Form der Weltaneignung zwischen Wissenschaft, Kunst und Mythos nachgegangen.“
  • In dem Beitrag von Andre Bartoniczek werden Steiners Innovationen mit den späteren Entwicklungen v.a. im künstlerischen Bereich in Malerei, Dichtung und Film sowie in ihrer methodischen Reflexion (Walter Benjamin, Gilles Deleuze) ins Gespräch gebracht. Es lässt sich beobachten, wie die von Steiner angeregten Schritte eine Antwort v.a. in ästhetischen Ansätzen erfahren, durch die sich alternative Zugänge zur historischen Erinnerung immer stärker ausbilden, erproben und etablieren.
  • Markus Osterrieders Vortrag gibt das aktuelle Beispiel der Umsetzung eines symptomatologischen Ansatzes, indem er an ausgewählten Ereignissen gegenwärtiger und vergangener Geschichte Stellung nimmt zu dem globalen und spannungsgeladenen Verhältnis zwischen Ost und West.
  • Jörg Ewertowski untersucht die Bedeutung des Christentums als Verständnishorizont der Geschichte. Obwohl sich das Geschehen von Golgatha historisch nicht dokumentieren lässt, ist es für  Rudolf Steiner das zentrale Ereignis in der Mitte der Zeit, von dem aus er nach dem geschichtlichen Sinn fragt. Tod und Auferstehung Christi stehen als »mystische Tatsache« in einer Zeitenmitte, die uns in ein anderes Denken fordert als das gewöhnliche kausale und/oder teleologische Geschichtsverständnis.

Die Vorträge werden ergänzt durch kurze Lesungen aus den Vorträgen Steiners mit anschließendem Gespräch.

Themen

Programm

 

Freitag, 19.10.2018

19:30 Uhr Begrüßung
Albert Schmelzer: Historisches Umfeld – inhaltliche Aussagen – gegenwärtige Bedeutung

Samstag, 20.10.2018

8:30 Uhr Rita Schumacher: „Man tritt zurück, um besser zu springen“ – prometheische Geschichtserkenntnis
10.00 Uhr Pause
10.30 Uhr Austausch über den Vortrag
11.30 Uhr Lesung und Gespräch I.: Was ist symptomatologische Erkenntnis und welche Konsequenzen hat sie für die historische Forschung?
13.00 Uhr Mittagessen
14.30 Uhr Andre Bartoniczek: Vom „Echolot“ zum „Kristall-Bild“ – die „Symptomatologie“ im Dialog mit historischen Erkenntnisansätzen des 20. und 21. Jahrhunderts
16.00 Uhr Pause
16.30 Uhr Austausch über den Vortrag
17.00 Uhr Lesung und Gespräch II.: Maschinenzeitalter. Eskalation des Bösen. Zukunft des Menschen – das 20./21. Jahrhundert und die Dringlichkeit einer modernen historischen Erkenntnis
18.30 Uhr Abendessen
20.00 Uhr Markus Osterrieder: Geschichte zwischen Ost und West. Aktuelle Brennpunkte und Herausforderungen

Sonntag, 21.10.2018

8.30 Uhr Lesung und Gespräch III.: Die Bedeutung von Karma- und Reinkarnationserkenntnis für die historische Forschung.
10.00 Uhr Pause
10.30 Uhr Jörg Ewertowski: Die Mitte der Zeit – Das Christentum als Quelle des Geschichtsverständnisses
12.00 Uhr Austausch über den Vortrag
12.30 Uhr  Rückblick und Ausblick (Ende: 13.00 Uhr)

 

 

 

Dozenten

Rita Schumacher:

Waldorf-Oberstufenlehrerin für Deutsch und Geschichte. Seit 2009 Dozentin am Seminar für Waldorfpädagogik in Kassel und für die Internationale Assoziation für Waldorfpädagogik (IAO) in Osteuropa. Neben diversen Aufsätzen und Vorträgen Publikation (mit Hans Paul Fiechter) über Poetik. Drei Wege. Poetologische Betrachtungen zum Dramatischen, Lyrischen und Epischen (2014).

Andre Bartoniczek:

Waldorf-Oberstufenlehrer für Deutsch und Geschichte. Dozent im Fernstudium für Waldorfpädagogik Jena. Seit 2015 Dozent an der Akademie für Waldorfpädagogik Mannheim. Publikationen u.a. zur Imaginativen Geschichtserkenntnis. Rudolf Steiner und die Erweiterung der Geschichtswissenschaft (2009); Die Zukunft entdecken. Grundlagen des Geschichtsunterrichts (2014). Aktuell: Promotionsprojekt über Künstlerische Aneignung von Geschichte. Historische Erinnerung im Werk des Filmemachers und Schriftstellers Andres Veiel.

Dr. Jörg Ewertowski:

Studierte nach einer Ausbildung zum Goldschmied in Frankfurt am Main Philosophie, Germanistik und evangelische Theologie. Er promovierte über Schelling (Die Freiheit des Anfangs und das Gesetz des Werdens) und ist seit 1994 der Leiter der Zentralbibliothek der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland (www.rudolf-steiner-bibliothek.de). Ewertowski ist Autor (u.a. von Die Entdeckung der Bewusstseinsseele) und Dozent an verschiedenen anthroposophischen Einrichtungen.

Dr. Markus Osterrieder:

Bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Osteuropa-Institut München. Promotion über an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Heute als freier Historiker und Dozent, Publizist und Vortragender im In- und Ausland tätig. Publikationen u.a. Sonnenkreuz und Lebensbaum. Irland, der Schwarzmeer-Raum und die Christianisierung der europäischen Mitte (1995); Welt im Umbruch. Nationalitätenfrage, Ordnungspläne und Rudolf Steiners Haltung im Ersten Weltkrieg (2014).

Prof. Dr. Albert Schmelzer:

Bis 1990 Waldorf-Oberstufenlehrer für Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte, Französisch und Religion. Promotion über Die Dreigliederungsbewegung 1919. Rudolf Steiners Einsatz für den Selbstverwaltungsimpuls (1991). Bis 2011 Dozent an der Akademie für Waldorfpädagogik Mannheim. Seit 2011 Professor für Allgemeine Pädagogik mit dem Schwerpunkt Waldorfpädagogik und Interkulturalität an der Alanus-Hochschule Mannheim. Zahlreiche Publikationen zur Pädagogik und Geschichte. Aktuell: Publikationsprojekt zu den Weltreligionen.

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Kurs: GES19
19.10.2018 - 21.10.2018

Zeitangaben

Freitag 19.30 - 21:00
Samstag 8:30 - 21:30
Sonntag 8:30 - 12:30

Kursgebühren

230,00 € inkl. Verpflegung

Leitung

Andre Bartoniczek

Akademie für Waldorfpädagogik
Aus- und Weiterbildung Mannheim

Zielstraße 28
D-68169 Mannheim

Valerie Zoth
+49 (0) 621 309 48-15
veranstaltung@akademie-waldorf.de

Die Akademie für Waldorfpädagogik ist eine zertifizierte Ausbildungsstätte und darf Weiterbildungsmaßnahmen für Klassenlehrer, Oberstufenlehrer, Fachlehrer für Handarbeit, Musik und Werken im Rahmen der AZAV durchführen.